Gibt es Wechselwirkungen zwischen Gerinnungshemmern und Naturheilmitteln?

Zu den Naturheilmitteln zählen pflanzliche, homöopathische und anthroposophische Arzneimittel sowie Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamine und Fischöl. Pflanzliche Heilmittel haben in Deutschland und der Schweiz den Status eines Arzneimittels. In anderen Ländern werden diese oftmals als Nahrungsergänzungsmittel angeboten.

35.000 Arznei- und Heilpflanzen sind bekannt. In der Schweiz z.B. werden bis zu 350 Heilpflanzen als pflanzliche Arzneimittel angeboten. Pflanzliche Zubereitungen weisen bis zu 100.000 verschiedene Inhaltsstoffe auf und können damit überall an unseren Zellen angreifen. Naturheilmittel haben sich aus der Tradition heraus entwickelt. Der Anspruch der an Naturheilmitteln gelegt wird ist, dass diese sanft wirken, gut verträglich und arm an Nebenwirkungen sind. Es gibt harmlose, nachgewiesener Maßen wirksame Arzneipflanzen, die auch bei erheblicher Überdosierung keine Nebenwirkungen auslösen. Aber nicht jede Pflanze per se ist gut. Entscheidend ist die Auswahl aus so vielen Pflanzen, die sich für bestimmte medizinische Zwecke eignen oder als Lebensmittel dienen.

Heilpflanzen mit Wirkung auf die Blutgerinnung

Da manche Pflanzen Kumarine enthalten, könnte man von diesen eine Verstärkung der Gerinnungshemmung erwarten. Allerdings wirken längst nicht alle Kumarine im Menschen gerinnungshemmend. Die z.B. kumarinhaltige Pflanze Umckaloabo (Kapland-Pelargonie) (gegen chronische Bronchitis) zeigte in einer an Ratten durchgeführte Studie, dass diese Pflanze nicht die Gerinnungshemmung beeinflusst.

  • Ätherische Öle in hohen Dosen können die Gerinnungshemmung direkt oder indirekt beeinflussen. Deshalb sollte man mit hohen Dosen innerlicher Gabe von ätherischen Ölen vorsichtig sind.

Bei einigen salizinhaltigen Pflanzen wird eine Verstärkung der Thrombozytenaggregation (Verklumpen der Blutplättchen) angenommen und damit eine Verstärkung der Acetylsalzylsäure vorausgesetzt. Dabei wird übersehen, dass die natürlichen Salizine in den pflanzlichen Schmerzmitteln Weidenrinde, Pappel, Mädesüß eben nicht den Salizyl-Rest der Acetylsalizylsäure haben und damit die das Verklumpen der Blutplättchen nicht bedeutend hemmen. 

Die Pharmakologie der Wechselwirkungen

Bei der pharmakokinetischen Wechselwirkung (Einfluss des Organismus auf Arzneistoffe)   spricht man, wenn die Bioverfügbarkeit bzw. die Blutspiegel eines Arzneimittels beeinflusst werden.

Die Aufnahme des Gerinnungshemmer z.B. im Magen-Darm-Trakt kann dadurch beeinflusst werden wenn wir Quellstoffe oder Ballaststoffe, Leinsamen oder Flohsamenschalen gegen die chronische Verstopfung einnehmen.

  • Dieses sollte im zeitlichen Abstand von der Einnahme des Gerinnungshemmers erfolgen, um eine mögliche Wechselwirkung gering zu halten.

Die pharmakodynamische Wechselwirkung (Einfluss von Arzneistoffen auf den Organismus) sagt etwas darüber aus, ob die Gerinnungshemmer in Verbindung mit anderen Medikamenten eine verstärkende oder schwächere Wirkung entfalten.

Auf diesem Feld werden oftmals Risiken erdacht. Knoblauch z.B. verbessert  ein wenig die Mikrozirkulation und verhindert die Gerinnselbildung und könnte somit auch die Gerinnungshemmung verstärken. Ebenso könnte Ginseng die Gerinnungshemmung „theoretisch“ verstärken.

Angeblich gibt es 80 „verdächtige“ Pflanzen wobei etwa 30 Pflanzen im Zusammenhang mit der Gerinnungshemmung genannt werden. (Der Gerinnungshemmer Warfarin soll in den USA mit wesentlich mehr Pflanzen Wechselwirkungen aufweisen. Genannt werden u.a. Kürbis, Fenugreek (Bockshornklee), Knoblauch, Ginkgo, Papaya, Mango, Ginseng, Grüner Tee, Soja, Johanniskraut.)

Warum werden Gerinnungshemmer in Verbindung mit Wechselwirkungen so häufig genannt?

Gerinnungshemmer sind Vitamin-K-Gegenspieler und entfalten hin und wieder eine unterschiedliche Wirkung. Das liegt z.B. daran wenn die Vitamin-K-Zufuhr durch Obst und Gemüse nicht regelmäßig erfolgt. Die INR-Werte können schwanken.

Eine relativ neue Erkenntnis ist, dass Phenprocoumon (Marcumar® u.a.) schlecht wasserlöslich ist und daher an Bluteiweiß (Albumin) gebunden wird. Diese Bindung erfolgt an einer bestimmten Stelle des Albumins und dadurch steht Phenprocoumon in Konkurrenz zu anderen Stoffen, insbesondere in Konkurrenz zu den Flavonoiden (Pflanzenfarbstoffe). Diese Flavonoide sind fast in allen Pflanzen, Gemüse und Rotwein enthalten und wirken als Antioxidantien sich günstig auf die Gesunderhaltung aus.

Gerinnungshemmer werden durch oxidative Enzyme entgiftet und abgebaut, die sich vor allem in der Leber entwickelt haben, um den Körper vor einer Überzufuhr von einzelnen pflanzlichen Stoffen zu schützen. Früher haben wir nicht täglich à la Carte gegessen, sondern es gab monatelang nur Kohl. Große Mengen von Stoffen z.B. Vitamin K aus dem Kohl können uns nichts anhaben, weil diese durch entsprechende Hochregulation der entgiftenden Enzyme umso schneller von der Leber wieder abgebaut werden. Die Aktivierbarkeit unseres Stoffwechsels ist natürlich unser Pferdefuß, weil dadurch auch die eingenommenen Arzneimittel schneller abgebaut werden. Es handelt sich hierbei um die CYP450 Enzyme. Heute unterscheidet man zahlreiche Untergruppen und man weiß nun, welche Arzneimittel von welchem Enzym abgebaut werden so auch der Gerinnungshemmer.

Welche Pflanzen bewirken eine Wechselwirkung?

Jedes pflanzliche Präparat kann von der Zusammensetzung her – z.B. Saft oder Trockenextrakt und der einzunehmenden Dosis genau beurteilt werden. Dadurch sind die teilweise widersprüchlichen Aussagen verschiedener Studien die sich mit der Wechselwirkung von Gerinnungshemmern beschäftigen, erklärbar. Und hier sollte man mit Verallgemeinerungen vorsichtig sein.

Ingwer:

Es gibt wahrscheinlich nur einen Einzelfall der veröffentlicht wurde. Angesichts der häufigen Verwendung von Ingwer in der fernöstlichen Medizin als wärmendes Mittel sowie in der westlichen Medizin als Mittel gegen Unwohlsein, Reisekrankheit, Erbrechen, Schwangerschaft ist der Bezug auf eine Wechselwirkung fraglich.

  • Wenn Sie Ingwer essen wollen, dann kontrollieren Sie die INR; wahrscheinlich tut sich nichts.

Cranberry (Preiselbeere):

Aus welchen Gründen auch immer ist diese Frucht besonders gut untersucht worden. Es gibt eine Reihe von Studien in der keine Hemmung oder Verstärkung der Gerinnungshemmung beobachtet wurde. Eine Studie von Mohammed Abdul (British Journal of Pharmacology [2008] 154[8]=1691-1700) zeigt eine 30%ige Erhöhung des INR-Wertes. Eine Studie von J. Ansell (Journal of Thrombosis and Thrombolysis [2008] 25:112) zeigt bei 40 Patienten mit einer stabilen Gerinnungshemmung keine Wechselwirkung.

Knoblauch:

Hier haben wir nur einen theoretischen Verdacht auf eine Wechselwirkung mit Gerinnungshemmern. Es gibt diverse Fallberichte. Die Studie s.o. von M. Abdul zeigt, dass es keinen Einfluss auf die Gerinnungshemmung gibt.

Ginseng:

Einzelfälle und Studien zeigen widersprüchliche Ergebnisse auf eine Verstärkung oder Abschwächung der Gerinnungshemmung.

Ginkgo biloba:

Auch hier gibt es nur unklare Fallberichte. Nachgewiesen ist nichts aber die Hintertür lässt man sich in den Schlussfolgerungen der Studien immer offen – ein Einzelfall kann immer vorkommen.

Johanniskraut:

Hier kam es zu Einzelfällen und auch recht dramatischen Auswirkungen auf die Gerinnungshemmung. Der Inhaltsstoff Hyperforin der im Johanniskraut vorhanden ist, bewirkt dass das Enzym CYP450 3a4 sehr stark aktiviert wird. Das bedeutet, dass die Wirksamkeit des Gerinnungshemmers um die Hälfte reduziert wird.

  • In den traditionellen Zubereitungen wie z.B. Tee oder Saft wird das instabile, labile Hyperforin innerhalb weniger Tage abgebaut.
  • Bei Einnahme von Johanniskraut ist unbedingt darauf zu achten, eine engmaschige INR-Kontrolle durchzuführen und um gegebenenfalls die Dosis des Gerinnungshemmers zu korrigieren.
  • In der Schweiz werden hyperforinfreie Zubereitungen des Johanniskrauts angeboten, deren Auswirkungen auf die Gerinnungshemmung vernachlässigbar sind.

Weißdorn:

Hier zeigt sich kein Effekt auf die Blutgerinnung

Wichtig zu wissen:

  • Phenprocoumon (Marcumar® u.a.) kann von fast allen Phytotherapeutika, Nahrungsergänzungsmittel wie auch von Vitamin-K-reichen Gemüse beeinflusst werden. Wie groß eine mögliche Beeinflussung ist, hängt von der Menge ab, die man zu sich nimmt oder der Dosis die man einnimmt. Bei regelmäßigen INR-Kontrollen werden mögliche geringe Änderungen der INR-Werte erkannt und gegebenenfalls die Dosis des Gerinnungshemmers angepasst.

Nach dem Vortrag von Dr. med. Dr. rer. Nat. Bernhard Uehleke, Universitäts-Spital Zürich, Department Innere Medizin, Institut für Naturheilkunde, Zürich, anlässlich des INRswiss-Tages am 21.11.2009 in Solothurn/Schweiz.    C.S. (August 2010)