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Herzschrittmacher, Defibrillatoren und körperliche Aktivität

Hilfe, bei mir musste ein Herzschrittmacher implantiert werden. Kann ich denn jetzt noch ein normales, aktives Leben führen? Gehören Sie zu den Menschen, die sich diese Frage stellen? Dann ist der vorliegende Artikel goldrichtig für Sie.

Risikofaktor körperliche Inaktivität

In Deutschland gibt es etwa 600.000 Patienten, die einen Herzschrittmacher tragen und weitere 40.000 Patienten, denen ein Defibrillator (ICD) implantiert wurde. Zum Zeitpunkt der Erstimplantation eines Herzschrittmachers beträgt das Durchschnittsalter der Patienten 75 Jahre. In Deutschland sind nur etwas mehr als 6 % der Schrittmacherträger jünger als 60 Jahre. Obwohl 70-80 % der 70- bis 79-Jährigen nicht mehr regelmäßig Sport treiben, zeigte eine Studie zum Gesundheitsverhalten gerade in der Altersgruppe der 50- bis 70-Jährigen einen Trend hin zu vermehrter körperlicher Aktivität. Möglicherweise setzt sich hier im Zuge von Anti-Aging und Lifestyle-Bewegung zunehmend die Erkenntnis durch, dass körperliche Inaktivität als ein kardiovaskulärer Risikofaktor aufzufassen ist.

Das Leben mit einem Herzschrittmacher oder Defibrillator

Der Patient sollte nach dem Eingriff 6-8 Stunden Bettruhe einhalten. Anfänglich kann ein Wundschmerz auftreten, der schnell abnimmt, wobei ein leichtes Druckgefühl über einige Tage bleiben kann. Nach 24 Stunden sind EKG und Röntgen zur ersten Funktionskontrolle des Systems angezeigt.  
In den ersten 2-3 Wochen verliert sich in der Regel der Wundschmerz. Manchmal dauert es über 3 Monate bis der Fremdkörper unter der Haut völlig vergessen ist. Den meisten Patienten gelingt schnell die Rückkehr zum normalen Leben. Es soll ein neues Leben sein, ohne die Beschwerden oder das Risiko der Zeit vor dem Gerät. Die Müdigkeit ist jetzt verschwunden, die Leistung besser und es treten keine Bewusstlosigkeiten mehr auf. Wurde ohne vorherige Symptome implantiert - vorbeugend -, so stellt der Schrittmacher/Defibrillator die Lebensversicherung dar.
 
Der Aufbau von Herzschrittmachern und Defibrillatoren ist ähnlich.

In einem hermetisch verschlossenen Titan-Gehäuse finden sich elektronische Schaltung und Batterie. Über den Kopf des Herzschrittmachers oder Defibrillators sind die Elektroden angeschlossen. Die Batterie liefert einen Gleichstrom, der von der Schaltung in medizinisch nutzbare Impulse umgewandelt wird, die dann über die Elektroden an den Herzmuskel übertragen werden.
Herzschrittmacher und Defibrillatoren können mit einer, zwei oder drei Elektroden implantiert werden. Entscheidend dafür ist die ursächliche Herzrhythmusstörung bzw. Herzmuskelerkrankung.

Regelmäßige Kontrollen sind notwendig
Implantierte Geräte müssen regelmäßig kontrolliert und programmiert werden. Die Abstände sind individuell verschieden, entsprechen aber einem Grundschema.
Die erste Programmierung erfolgt unmittelbar nach der Implantation. Weitere Kontrollen sind dann 6-12 Wochen und im Verlauf nach 6-12 Monaten nötig. Der Herzschrittmacherausweis lässt Typ und Arbeitweise des Systems und das Ergebnis der letzten Kontrolle erkennen. Grund für die Kontrollen und Programmierungen sind sowohl die Bestätigung der Sicherheit von Batterie und Arbeitsweise der Geräte als auch die Anpassung an die individuellen Verhältnisse des Patienten. Daher kann es notwendig werden, zusätzlich ein Belastungs-EKG oder eine Herzultraschalluntersuchung zu absolvieren. Bei den regelmäßigen Kontrollen werden die Aggregate mit einem Computer abgefragt und die Programmierung anhand der gespeicherten Daten, die der Schrittmachers oder Defibrillators im Laufe der Zeit gesammelt und gespeichert hat, angepasst.

Was sollten Sie im täglichen Leben beachten?

Die Implantation eines Schrittmachers kann den unzureichend aufgeklärten Patienten nachweisbar soweit verunsichern, dass es zu relevanten psychischen und psychosomatischen Beschwerden und letztendlich zu einer Einbuße an Lebensqualität kommt.
Ein Schrittmacher oder Defibrillator soll eine berufliche Tätigkeit ermöglichen, nicht etwa verhindern; auch der Alltag soll erleichtert und sicherer werden. Die überwiegende Zahl der Berufstätigen arbeitet nach kurzer Zeit weiter im Beruf. Nur wenige Berufe bleiben Trägern eines Herzschrittmachers aus Sicherheitsgründen vorenthalten.

Gibt es potentielle Störquellen und wie kann man sie vermeiden?

Herzschrittmacher und Defibrillatoren müssen im Rahmen der Steuerungs-Funktion elektrische Spannungen des arbeitenden Herzens ihres Menschen messen und bewerten. Alle nicht vom Herz stammenden Signale können bei entsprechender Ähnlichkeit mit den Herzpotentialen den Herzschrittmacher stören. Der Fachbegriff ist EMI (Electro Magnetic Interference). Alle Schaltkreise von Herzschrittmachern und Defibrillatoren haben Schutzschaltungen, die möglichst große Teile der EMI ausblenden sollen.

Welche Geräte oder Bereiche sind unbedenklich?

  • Unterhaltungs-Elektronik, wie Fernseher, Radios, Stereoanlagen  
  • Haartrockner, Elektrorasierer,
  • Mikrowelle, Waschmaschine, Küchenmaschinen, Staubsauger
  • Computer, Drucker, Telefax, Festnetz/ drahtlose Telefone
  • Übliche Zahnarztbehandlung
  • Flugreisen


Welche Geräte oder Bereiche erfordern besondere Beachtung?

  • Maschinen mit Vibration oder starken Feldern
  • z. B. Bohrmaschinen, Elektroschweißgeräte
  • Sendeanlagen
  • Telefone (Handy)
  • Auto (Zündspulenbereich)
  • Diebstahlsicherungen im Supermarkt
  • TENS-Geräte
  • Reizstrombehandlung in der Physiotherapie
  • MRT-Diagnostik (Kernspin)
  • Sport-/Segel-Flugzeuge, Ballonfahrten


Körperliche Aktivität

Als antiquarisch muss die Angabe gewertet werden den Patienten „sicherheitshalber“ vom Sport abzuraten. Der aufgeklärte Schrittmacherträger beschränkt sich sicher nicht nur auf die Frage der Grenze der Belastbarkeit („Was darf ich noch machen?“) sondern nach der bestmöglichen Behandlung. Grundsätzlich ist zu sagen, dass nicht der Schrittmacher das Limit für die Belastbarkeit setzt, sondern die zu Grunde liegende kardiologische Erkrankung. Die Herzfrequenz ist für über ein Drittel der Sauerstoffaufnahme unter Belastung verantwortlich. Einige Patienten können aus eigener Kraft den Puls unter Belastung nicht ausreichend steigern. In einem solchen Fall erfolgt heute die Implantation eines so genannten "frequenzadaptiven“ (= Herzfrequenz anpassenden) Schrittmachers. Diese modernen Systeme erkennen über verschiedene Sensoren eine körperliche Belastung und passen die Herzfrequenz den Bedürfnissen automatisch an. Eine solche Anpassung der Pulsfrequenz kann die Belastbarkeit deutlich verbessern.

Beispiel:
Liegt bei Ihnen als Ursache für die Einpflanzung eines Schrittmachers eine sehr langsame Herzaktion vor und unter Belastung steigt Ihr Puls nur unzureichend an, so sind Sie nach der Implantation wieder voll leistungsfähig. Sollte aber zusätzlich eine Herzschwäche bei verkalken Herzkranzgefäßen bei Ihnen vorhanden sein, so hängt Ihre Leistungsfähigkeit eher von der guten Durchblutung Ihres Herzmuskels und der Pumpleistung des Herzens ab. In letzterem Fall ist die zusätzliche Einnahme von Medikamenten und unter Umständen eine körperliche Schonung ratsam.
Sie merken schon: Generelle Aussagen zu Schrittmacher und Defibrillatoren sind ganz schwierig zu treffen. Die individuelle ärztliche Beratung (Hausarzt, Sportmediziner, Kardiologe) ist absolut unerlässlich.
Kernpunkt bei der Beurteilung der Sporttauglichkeit eines Herzschrittmacherpatienten ist die Frage nach Vorliegen und Ausmaß einer zugrunde liegenden Herzerkrankung. Patienten, die sich der Implantation eines Herzschrittmachers unterziehen müssen, weisen meistens einen zu hohen Blutdruck, eine koronare Herzkrankheit oder eine Erkrankung der Herzklappen auf. Eine Störung der Pumpleistung der linken Herzkammer mit einer Auswurfleistung unter 40 % lässt sich bei einem Drittel aller Schrittmacherpatienten nachweisen. Fast die Hälfte der Patienten ist uneingeschränkt sporttauglich, da weder eine eingeschränkte Herzleistung noch eine Herzinsuffizienzsymptomatik vorliegen.
Bei Schrittmacherträgern ohne wesentliche Herzerkrankung besteht grundsätzlich keine Einschränkung der sportlichen Belastbarkeit. Wichtig ist in diesem Fall eine optimale Programmierung des Schrittmacheraggregates, die dem Patienten gestattet, seinen Leistungsspielraum voll auszunutzen.

Sportartspezifische Besonderheiten bei Schrittmacherpatienten
Grundsätzlich besteht bei sportlichen Aktivitäten, die mit einer einseitigen hohen Belastung der oberen Extremität einhergehen, die Möglichkeit einer mechanischen Schädigung der Schrittmacherelektroden in ihrem Verlauf zwischen erster Rippe und Schlüsselbein (Tennis, Squash oder Golf). Trotz des bestehenden Risikos kein Grund, auf diese Sportarten zu verzichten. In diesen Fällen ist es aber ratsam, den Patienten nach seiner Händigkeit (Rechts-, Linkshänder) zu fragen und das Schrittmacheraggregat nicht auf der Seite des Schlagarms zu implantieren. Sportschützen und Jäger sollten gefragt werden, auf welche Schulter der Gewehrschaft abgestützt wird, um diese Seite für die Implantation des Aggregates zu vermeiden.
Besonders bei hoher Beanspruchung des Schultergürtels und der Arme (zum Beispiel bei den meisten Ballsportarten) hängt die physikalische Belastung der Schrittmachersonden von der Wahl des venösen Zugangs ab. Auch hier ist die enge Absprache zwischen Operateur und Sportler ratsam, um einwirkende Kompressions-, Schub- und Scherkräfte auf die Schrittmachersonde möglichst gering zu halten.
Von Kampfsportarten ist grundsätzlich abzuraten, weil das Aggregat oder der Elektrodenkonnektor sowie die Haut durch direkte Schlageinwirkung beschädigt werden können. Bei guter kardiopulmonaler Leistungsfähigkeit (maximale Sauerstoffaufnahme mindestens 45 ml/kg Körpergewicht/min) ist Tauchen grundsätzlich möglich. Durch die hohen Drücke unter Wasser kann es zum Eindringen von Flüssigkeit in das Gerät oder im Extremfall zu einer Verformung des Aggregates und damit zu einer Funktionsstörung kommen. Dabei müssen die zum Teil sehr voneinander divergierenden Empfehlungen der Hersteller beachtet werden. Bei den drei größten Schrittmacherherstellern variieren die Freigaben bezüglich der maximalen Druckbelastung des gesamten Schrittmachersystems, bestehend aus Aggregat und Elektroden, zwischen 200 und 690 kPa, entsprechend einer maximalen Wassertiefe zwischen 10 und 60 m.

Körperliche Aktivität bei Herzschwäche und Schrittmacher (Defibrillator)
Bis zu Beginn der 90er Jahre gehörte die Einschränkung körperlicher Aktivität zu den Therapieprinzipien bei Herzinsuffizienz infolge fortgeschrittener Pumpschwäche der linken Hauptkammer. Inzwischen ist gut belegt, dass auch Patienten mit Herzinsuffizienz selbst bei hochgradig eingeschränkter Pumpfunktion von einer überwachten Trainingstherapie bezüglich ihrer Lebensqualität und Leistungsfähigkeit profitieren können, ohne eine Verschlechterung der Herzfunktion befürchten zu müssen.

Zusammenfassung
Sportlich aktive Patienten tendieren dazu, die Implantation eines Herzschrittmachers als krankmachenden Eingriff falsch zu verstehen.
Vielen Patienten ist nicht bewusst, dass ihre körperliche Belastbarkeit, das heißt, dass das Belastungsniveau, dem sie sich schadlos aussetzen dürfen, keineswegs vom Herzschrittmacher abhängt, sondern von einer relevanten Herzerkrankung. Es gehört zu den Aufgaben eines jeden Arztes zu verhindern, dass ein körperlich aktiver Patient ohne schwerwiegende Herzerkrankung die Implantation eines Schrittmachers als Hinweis auf den schlechten Zustand seines Herzens missdeutet und in der Folge auf sportliche Aktivitäten verzichtet.
Auf der anderen Seite muss ein schwer herzkranker Patient mit einem zu langsam schlagenden Herzen darüber aufgeklärt werden, dass durch die Implantation eines Schrittmachers nur die Symptome des langsamen Herzschlages beseitigt werden, nicht jedoch die Herzkrankheit. Mit wenigen Ausnahmen sind die meisten sportlichen Aktivitäten grundsätzlich auch für Patienten mit implantierten Herzschrittmachern und Defibrillatoren geeignet.

Dr. med. Stefan Steiner, Oberarzt Elektrophysiologie, Kardiologische Fachklinik, Direktor Prof. Dr. med. C. Vallbracht, Tel.: +49 6623 88 6244, E-Mail: sm-ambulanz@hkz-rotenburg.de;
Dr. med. Klaus Edel, Chefarzt Zentrum für kardiologische Rehabilitation, Innere Medizin, Kardiologie, Diabetologie, Sportmedizin, Rehabilitationswesen, Tel.: +49 6623 88 6105, E-Mail: k.edel@hkz-rotenburg.de;
Herz- und Kreislaufzentrum, Heinz-Meise-Str. 100, 36199 Rotenburg
(September 2008)